Berührende Gedenkfeier im ehemaligen KZ-Nebenlager Gunskirchen
Am 73. Jahrestag der Befreiung des KZ-Nebenlagers in Gunskirchen konnten die Veranstalter diesmal einen ganz besonderen Gast begrüßen – Bundeskanzler a.D. Dr. Franz Vranitzky.
Am heutigen Samstag luden die Welser Initiative gegen Faschismus (Antifa) sowie die Marktgemeinde Gunskirchen und die Gemeinde Edt bei Lambach zum alljährlichen Gedenken an die Befreiung des KZ-Nebenlagers Gunskirchen ein. Um 10 Uhr startete ein „Walk of Solidarity“ vom KZ-Denkmal an der Bundesstraße 1 zum ehemaligen KZ-Friedhof – angeführt von Überlebenden, zahlreichen Ehrengästen, darunter die beiden Landtagsabgeorneten Roswitha Bauer und Petra Müllner, vielen Bürgerinnen und Bürgern der umliegenden Gemeinden sowie Schülerinnen und Schüler der NMS Gunskirchen.

Nach der Begrüßung durch Gunskirchens Bürgermeister Josef Sturmair hielt Bundeskanzler a.D. Dr. Franz Vranitzky die Festrede.

Er war berührt von der tollen Darbietung der Schülerinnen und Schüler der vierten Klassen der NMS Gunskirchen. In Aufarbeitung der grausamen Geschichte des Holocaust haben diese sich dazu entschieden, „Verantwortung“ für die Zukunft zu übernehmen. Das Wort „Verantwortung“ haben sie sodann in ihre Darbietung integriert und jeden Buchstaben daraus mit der Geschichte des Holocaust verbunden.

Dies war so berührend, dass die Autorin dieser Zeilen diese Aussagen hier wiedergeben möchte:
V: Vergangenheit / Verantwortung
Wir tragen nicht die Verantwortung für die Taten in der Vergangenheit, aber sehr wohl tragen wir die Verantwortung für unsere Zukunft – eine friedliche Zukunft – für diese Welt.
E: Ereignisse in Mauthausen / Erinnern
Die Ereignisse in Mauthausen dürfen niemals in Vergessenheit geraten. – Die Gedenkstätte zu besuchen, bedeutet, sich der Geschehnisse zu erinnern und versuchen zu verstehen, was dort passiert ist. Seit Jahrzehnten besuchen die vierten Klassen unserer Schule die Gedenkstätte in Mauthausen, um sich mit diesem Teil der Geschichte Österreichs auseinanderzusetzen.
R: Rechtlosigkeit / Rechtsstaat
In einer Diktatur sind alle Menschen der Willkür des Diktators ausgesetzt, der Einzelne ist rechtlos. – Die Verfassung unseres Staates schützt uns davor.
A: Anschluss / Anerkennung des anderen
Am 12. März 1938 hörte Österreich auf als Staat zu existieren. Unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen begann die Verfolgung und Verhaftung vieler Menschen. – Nicht die Ausgrenzung, sondern die Anerkennung des anderen muss unser Ziel sein.
N: Novemberpogrom / Namen
In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden im ganzen Land. Wohnungen, Geschäfte und Synagogen wurden zerstört. – Der Raum der Namen in der Gedenkstätte hat uns besonders berührt, denn hinter jedem Namen steht eine Persönlichkeit, eine Geschichte, ein Leben.
T: Tod / Tun
Wie unvorstellbar schwer zu ertragen müssen wohl die Lebensbedingungen im Konzentrationslager gewesen sein? Wir fragen uns immerzu: Wieso konnten Menschen anderen Menschen nur so etwas antun? – Wir alle müssen dafür sorgen, dass so etwas Schreckliches nie wieder passiert.
W: Widerstand / Weltoffenheit
Viele Menschen haben unter Einsatz ihres Lebens gegen den Nationalsozialismus Widerstand geleistet. – Wir sind eine Generation, die in Frieden und Weltoffenheit aufwachsen darf.
O: Opfer / Orte des Gedenkens
Die Bilder der Opfer in der Gedenkstätte halten uns vor Augen, wie viele Menschen alleine im KZ Mauthausen ums Leben gekommen sind. – Wir waren erstaunt, dass es Denkmäler von so vielen Nationen gibt. Diese Denkmäler zeigen uns, wie viele Länder unschuldige Menschen verloren haben.
R: Rassismus / Respekt vor anderen
Rassismus als wesentliches Merkmal des Nationalsozialismus beinhaltet die Überlegenheit des einen, im Gegensatz zur Minderwertigkeit des anderen. – Für uns steht fest, dass alle Menschen viel mehr verbindet als sie trennt. Wir sind nicht alle gleich, aber gleich wertvoll. Wir respektieren einander.
T: Terror / Toleranz
Eigentlich kann man die Geschehnisse in einem Konzentrationslager nicht mit Worten beschreiben. Die Menschen waren verzweifelt und hoffnungslos. – Toleranz bedeutet für uns, frei von Vorurteilen zu sein und sich nicht zum Aufbau von Feindbildern verleiten zu lassen.
U: Unterdrückung / Unabhängigkeit
„Aus dem Schicksal der Toten mögen die Lebenden lernen“. Wie die Inschrift am Mahnmal am Appellplatz schon sagt, darf man die Augen nicht davor verschließen, was hinter diesen Mauern passiert ist. – Die NS-Diktatur brachte großes Unheil über unser Land. 1955 wurde die Republik Österreich als souveräner und unabhängiger Staat wiederhergestellt. Heute können wir in einem demokratischen Staat in Frieden leben.
N: Nebenlager / Nachkommen der Opfer
Eines der Nebenlager des KZ Mauthausen befand sich hier in Gunskirchen. 1945 wurden Jüdinnen und Juden aus Ungarn von Mauthausen nach Gunskirchen getrieben. Jedes Jahr im Mai gedenken wir der Opfer dieses Todesmarsches und des Nebenlagers, das von amerikanischen Truppen befreit wurde. – Wir freuen uns, dass wir bei unseren Gedenkveranstaltungen die Möglichkeit haben, mit Überlebenden und ihren Nachkommen zu sprechen.
G: Gewaltherrschaft / Gewaltenteilung
Alle Gewalten sind in der Hand eines Mannes vereint, das Parlament ist rechtlos, die Rechtsprechung wird beeinflusst und die Medien werden gelenkt. – In einem demokratischen Staat wird die Volksvertretung durch das allgemeine und gleiche Wahlrecht gewählt, das Parlament ist die Quelle der Gesetzgebung und die Meinungsvielfalt ist gewährleistet.
In seinen Ausführungen bedankte sich Franz Vranitzky bei den Schülerinnen und Schülern für die gelungene Darbietung und dass alles, was sie vorgetragen haben, richtig und wichtig sei. Gerade junge Menschen sind nicht dafür verantwortlich, was damals vor und während des 2. Weltkrieges passiert sei. Jedoch sind sie sehr wohl verantwortlich für das, was in Zukunft passieren wird. Deshalb sei es auch so wichtig, dass Jugendliche informiert werden – Gunskirchen und Mauthausen dürften nie wieder passieren!
In Anbetracht, dass es zunehmend rechtsextreme Tendenzen in ganz Europa gebe, zitierte er abschließend Theodor W. Adorno: „Ich fürchte nicht die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“
Weitere Redner der Gedenkfeier waren Daniel Chanoch als Überlebender des KZ-Nebenlagers Gunskirchen, György Frisch als Vertreter der ungarischen Juden und Dr. Robert Eiter, welcher als Vorstandsmitglied des Mauthausen Komitees Österreich das Schlusswort hielt.